Tauben füttern: Stellungnahme zur Stellungnahme von afStR Mag. Jürgen Czernohorszky, Amtsführender Stadtrat der Stadt Wien für Klima Umwelt, Demokratie und Personal (Teil 2)

© Ingrid Haunold, 2026 - Tauben im Park

Das ist mein vierter Artikel, in dem ich mich mit drei Stellungnahmen (von der Stadt Wien, der Tierschutzombudsstelle Wien und der VetMedUni) beschäftige, die im Zusammenhang mit der Petition für ein besseres Stadttaubenmanagement abgegeben wurden. Meine ersten beiden Artikel zur Stellungnahme der Tierschutzombudsfrau der Tierschutzombudsstelle Wien, Dipl.-Ing. Eva-Maria Persy, MSc MBA, und zur Stellungnahme von Dr. Claudia Bieber, Leiterin Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie, Veterinärmedizinische Universität Wien sowie den ersten Artikel zur Stellungnahme von afStR Mag. Jürgen Czernohorszky, Amtsführender Stadtrat der Stadt Wien für Klima Umwelt, Demokratie und Personal können Sie nachlesen, indem Sie auf die Links klicken.

In diesem Artikel möchte ich mich mit der Akzeptanz der betreuten Taubenschläge durch die Bevölkerung beschäftigen. Stadtrat Czernohorszky schreibt in seiner Stellungnahme, “Für die Wirksamkeit betreuter Taubenschläge ist es … wesentlich, unkontrollierte zusätzliche Fütterungen in deren unmittelbarem Umfeld zu vermeiden. Die hierfür erforderliche Bereitschaft zur Mitwirkung kann nicht durchgängig vorausgesetzt werden. Ihre Förderung bedarf vielfach einer intensiven Informations- und Überzeugungsarbeit, deren Erfolg nicht in allen Fällen gewährleistet ist.”

Auch Dipl.-Ing. Eva-Maria Persy erwähnte Ähnliches in ihrer Stellungnahme.

Ich bin kein Mitglied irgendeiner Tierschutz-Organisation oder Stadttauben-Initiative. Ich füttere Tauben mit artgerechtem Futter in meinem “Grätzel” und füttere ohne Absprache mit anderen Personen. Ich wohne im 19. Bezirk, weit weg von bisher errichteten oder geplanten Taubenschlägen. Ich stehe aber in Kontakt mit Menschen, die sich in Tierschutzorganisationen bzw. Initiativen für das Wohl der Sadttauben engagieren. Ich bekomme also Rückmeldungen über die Lage in anderen Bezirken und über politische Entwicklungen.

Ich habe auch den Zwischenbericht des Wildtierservices der Stadt Wien (MA 49) gelesen, den Sie hier abrufen können. Auf dem Bericht steht kein Datum, aber ich glaube, dass er irgendwann im Jahr 2024 veröffentlicht wurde. (Mein Wunsch an die MA 49: Bitte immer ein Datum auf Publikationen anführen, danke!)

Und natürlich kann ich auch eigene Erfahrungswerte in die Bewertung dieses Problems einfliessen lassen.

Hier ist mein Fazit:

Die Statements des afStR Mag. Jürgen Czernohorszky und von Dipl.-Ing. Eva-Maria Persy stimmen grundsätzlich, vermitteln meiner Meinung nach aber trotzdem einen falschen Eindruck. Der von Kim-Roberta Baumann , BSc MSc, für die MA 49 verfasste Zwischenbericht über das Pilotprojekt Taubenschlag, d. h. den ersten betreuten Taubenschlag in der Schelleingasse (Hauptbahnhof) in Wien liefert ein viel klareres Bild: Ja, ganz am Anfang gab es Probleme. Die Menschen, die bis dahin die Tauben gefüttert hatten, mussten sich erst auf die neue Situation einstellen. Dazu kommt, dass die Tauben diesen Taubenschlag nicht sofort annahmen. Der Taubenschlag wurde im November 2022 “eröffnet”, aber erst ab der Kalenderwoche 2 des Jahres 2023 wurde er von so vielen Tauben regelmäßig genutzt, dass die Autorin dieses Zwischneberichts schreibt, die Zahl würde “einem Schwarm” (Zwischenbericht, S. 22) entsprechen. Und erst ab der Kalenderwoche 7,  also ab Ende Februar 2023, wurde ein merklicher höherer Futterverbrauch und somit eine Nutzung des Taubenschlags durch eine größere Zahl von Tauben festgestellt.

Es dauert also eine gewisse Zeit – mehrere Monate – bis Tauben einen Taubenschlag annehmen. Wenn in diesen Monaten überhaupt nicht gefüttert werden würde, würden viele Tiere wahrscheinlich verhungern, da sie an Fütterungen gewohnt sind. Das entspricht auch den mir direkt übermittelten Erfahrungsberichten: Die Tauben hätten den Taubenschlag nicht sofort gefunden bzw. nicht sofort angenommen, und das sei eben ein Problem gewesen. Eine Zeit lang wurde deshalb an den gewohnten Stellen in der Umgebung des Hauptbahnhofes durch die Wiener Bevölkerung weiter gefüttert, aber in reduzierten Mengen. Das finde ich gut und wichtig und meiner Meinung nach kann man das als eine ganz natürliche Übergangsphase ansehen. Das würde ich sicher nicht als mangelnde Akzeptanz bezeichnen, sondern als eine wichtige Überbrückungsmaßnahme, die ich befürworte.

Die Autorin des Zwischenberichts schreibt, dass durch Gespräche mit den fütternden Personen die Fütterungen nach und nach reduziert werden konnten, “so dass letztendlich nur noch eine einzige Person regelmäßig Körner ausbrachte” (Zwischenbericht, Seite 24).

Ich finde, dass das ein sehr schöner Erfolg ist. Ich finde es auch nicht tragisch, wenn eine Person (bzw. eine geringe Anzahl Personen) weiter in der Nähe eines Taubenschlags füttert. Das wird immer so sein, bei jedem Taubenschlag, und das finde ich wirklich nicht tragisch.

Insgesamt ist das ja ein sehr erfolgreiches Projekt, mittlerweile gibt es schon vier betreute Taubenschläge in Wien und die Nachfrage ist enorm hoch, wie ein jüngst auf orf.at veröffentlichter Artikel vom 24. September 2026 verdeutlicht: “Immer mehr Bezirke fordern Taubenschläge“.

Welches Fazit ziehe ich aus diesen Informationen?

Nun, ich denke, dass die Stadt Wien mehr und intensiveren Kontakt mit den Personen pflegen sollte, die sich in diversen Initiativen für das Stadttaubenmanagement in Wien engagieren. Diese Menschen haben aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen ein unglaubliches Fachwissen.

Die Stadt Wien sollte sich glücklich schätzen, dass es in Wien so viele Menschen gibt, die sich für ein besseres Stadttaubenmanagement engagieren, und die bereit sind, gemeinsam mit der Stadt Wien Lösungen zu finden.

Alle Menschen in Wien, die sich für das Wohl der Tauben engagieren, bewerten die Errichtung von betreuten Taubenschlägen positiv.

Die Petition für ein besseres Stadttaubenmanagment, die ich ja auch unterschrieben habe, ist gut und wichtig. Auch wenn letztendlich vielleicht nicht alle Punkte umgesetzt werden, enhält diese Petition wirklich viel Gutes! Die Stadt Wien sollte diese Petition nicht ignorieren.

Ohne die Kooperation der Bevölkerung kann es kein gutes und erfolgreiches Stadttaubenmanagement geben. Wenn Menschen, die artgerecht Tauben füttern, kriminalisiert werden, indem jegliches Füttern verboten wird — ja, dann wird natürlich weiter gefüttert. Schon Papst Leo XIII. wußte im 19. Jahrhundert: „Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht, Gehorsam aber zu Verbrechen.“