Österreichische Tierschutzorganisationen – Tierschutz Austria, Verein gegen Tierfabriken (VGT), Bürgerinitiative Arbeitsgruppe Tauben Wien und die Initiative Keine Tauben Ohren (KTO) – fordern derzeit mit einer Petition, die bereits viele Menschen unterschrieben haben, ein umfassendes, nachhaltiges Stadttaubenmanagement für Wien. Auch ich habe diese Petition unterschrieben.
Am 4. November 2026 findet im Wiener Petitionsausschuss um 09:00 Uhr eine öffentliche Anhörung statt. Ich kann selbst nicht an diesem Termin teilnehmen und möchte deshalb vorab eigene öffentliche Stellungnahmen auf drei bereits veröffentlichte Stellungnahmen abgeben. (Sie können diese Stellungnahmen hier downloaden):
- Stellungnahme von afStR Mag. Jürgen Czernohorszky, Amtsführender Stadtrat der Stadt Wien für Klima Umwelt, Demokratie und Personal
- Stellungnahme der Tierschutzombudsstelle Wien, von Dipl.-Ing. Eva-Maria Persy, MSc MBA
- Stellungnahme der Veterinärmedizinischen Universität Wien, von Dr. Claudia Bieber, Leiterin Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie, Veterinärmedizinische Universität Wien
Ich möchte allen drei Personen noch vor der öffentlichen Anhörung am 4. November 2026 antworten, als Wienerin, die Tauben füttert. Meine heutige, erste Antwort richtet sich an Dr. Claudia Bieber von der VetMedUni Wien:
Dr. Bieber schreibt unter Punkt “1”, dass “eine sehr gute Futtersituation einen positiven Effekt auf die Reproduktion von Wildtieren hat”.
Meine Antwort: Das stimmt sicher, sehr geehrte Frau Dr. Bieber, aber Sie nehmen automatisch an, dass die Fütterung von Tauben durch Wienerinnen und Wiener einer “sehr guten Futtersituation” gleich kommt – und das weise ich zurück. Eine einzige Taube braucht rund 40 Gramm Hartkörner pro Tag. Das Futter, das Wienerinnen und Wiener kaufen und verfüttern, ist insgesamt sehr wenig und reicht für viele Tiere nur zum Überleben. Aber man kann in den wenigsten Fällen von einer “sehr guten Futtersituation” sprechen. In Wien gibt es rund 50.000 Tauben, diese Tiere brauchen also gemeinsam jeden einzelnen Tag 2 Millionen Gramm Futter, nur damit sie überleben können. Das sind 2.000 Kilogramm Futter pro Tag. Glauben Sie wirklich, dass so viel Futter gekauft wird? Es wird vielleicht an einzelnen Futterstellen genügend Futter zum Überleben zur Verfügung gestellt, aber in nur ganz wenigen Fällen zu viel. Meistens ist es viel zu wenig. Man kann also in Wien sicher nicht von einer “sehr guten Futtersituation” für die Stadttauben sprechen – die meisten Tauben überleben nur deshalb, weil sie Lebensmittelreste essen, welche die Menschen im öffentlichen Raum wegwerfen.
Die Stadt Wien hat – basierend auf Schätzungen und Zählungen der Tierschutzombudsstelle Wien – viele Jahre lang argumentiert, dass die Taubenpopulation in Wien sehr hoch ist. Die Schätzungen lagen bei rund 150.0000 Tauben. Dieser positive Effekt auf die Reproduktion von Wildtieren, den Sie ansprechen, sehr geehrte Frau Dr. Bieber, ist theoretisch sicher richtig, aber in der Praxis kommt es durch das Füttern der Tauben durch die Wienerinnen und Wiener zu keinem Ansteigen der Population. Im Gegenteil, die Zahl der Tauben in Wien hat sich in den letzten Jahren radikal verringert, sie liegt jetzt bei rund 50.000-60.000 Tieren. Wenn die Wienerinnen und Wiener wirklich so viel Futter ausstreuen würden, dass die Futtersituation für die Tauben “sehr gut” wäre, dann würde sich die Zahl der Tiere ja erhöhen. Das tut sie aber nicht. Sie verringert sich.
Unter Punkt “2” verwenden Sie vier Mal das Wort “kann”:
- “Eine nicht zentral überwachte und organisierte Fütterung von Tauben kann sich auf verschiedenen Eben negativ auswirken.”
- “Die Menge des Futters ist weder zu erfassen noch zu kontrollieren, es kann zu deutlich zu hoher Zufütterung kommen, was die Population zum Anwachsen bringen kann.”
- “Auch die Qualität der Zufütterung kann nicht überwacht werden.”
Das Wort “kann” bedeutet, dass etwas theoretisch möglich ist: Es bedeutet nicht, dass das auch tatsächlich passiert. Es kann (!) auch genau das Gegenteil passieren:
Fangen wir damit an: Die Taubenpopulation in Wien wächst nicht, sie wird kontinuierlich kleiner. Auch wenn es theoretisch (!) möglich wäre, dass eine Taubenpopulation durch eine theoretische (!) zu hohe Zufütterung anwachsen könnte (!), ist das faktisch in Wien nicht der Fall. Die Zahl der Tiere hat sich seit 2014 um rund 100.000 Tiere verringert und liegt jetzt nur bei rund 50.000. Halten wir uns in der Diskussion rund um das Tauben füttern in Wien bitte an die Fakten!
Eine nicht zentral überwachte und organisierte Fütterung von Tauben kann (!) sich auf verschiedenen Ebenen positiv auswirken: Diese positiven Auswirkungen werden in der Petition ja auch angeführt, ich zitiere aus dem Petitionstext: “Wer Stadttauben artgerecht füttert, leistet einen Beitrag zu Tiergesundheit und Sauberkeit im öffentlichen Raum, da artgerechtes Futter die Beschaffenheit des Taubenkots positiv beeinflusst. … Artgerechtes Füttern …. verbessert den Gesundheitszustand der Tiere.”
Die Initiatoren der Petition und Bürgerinnen und Bürger, die diese Petition unterschrieben haben, sprechen sich ja auch dezitiert gegen ein unkontrolliertes Füttern aus.
Wieso nehmen Sie, sehr geehrte Frau Dr. Bieber, automatisch an, dass Menschen, die Tauben füttern, unverantwortlich füttern? Wieso nehmen Sie automatisch an, dass Menschen, die Tauben füttern, zu viel Futter ausstreuen? Wieso nehmen Sie automatisch an, dass Menschen, die Tauben füttern, nicht artgerecht füttern?
Ich weise das zurück. Ich kaufe artgerechtes Futter, ich berechne die Futtermenge für die Zahl der Tiere, die ich füttere – 40 Gramm Hartkörner pro Tag pro Tier, das benötigte Minimum zum Überleben – und ich achte darauf, dass kein Futter am Boden liegen bleibt, wenn ich weggehe.
Ich finde es eigentlich äußerst unseriös, sehr geehrte Frau Dr. Bieber, dass Sie automatisch annehmen, dass die Wienerinnen und Wiener, die Tauben füttern, unverantwortlich handeln. Sie verwenden in Ihrer Stellungnahme viel zu oft das Wort “kann” – liefern aber keine Fakten. Eigentlich wissen Sie doch gar nicht, welches Futter in welchen Mengen von welchen Personen zu welchen Zeiten ausgestreut wird.
Sie leiten das Forschungsinstitut für Wildtierkunde an der VetMedUni Wien. Haben Sie denn keine verlässlichen Daten, die das Ergebnis von seriösen wissenschaftlichen Studien sind, die Sie in Ihrer Stellungnahme zitieren könnten? Oder gibt es keine Untersuchungen darüber, wie viele Wienerinnen und Wiener Tauben füttern (und mit welchem Futter und an welchen Stellen und in welchen Mengen und zu welchen Zeiten)?
Ich habe es wirklich satt, dass ständig irgendwelche Behauptungen über Tauben in Wien aufgestellt werden und über die Menschen, die Tauben füttern, die dann aber nicht mit Daten, Fakten und wissenschaftlichen Studien untermauert werden können.
Führen Sie doch eine Studie durch! Dann würde es endlich einmal echte Fakten über das Taubenfüttern in Wien geben!
Zu Punkt “3” möchte ich folgendes sagen: “Spikes auf Fassaden und Vorsprüngen” führen immer weder zu Verletzungen der Tiere. So etwas als Tauben-“Management” zu bezeichnen, finde ich schon sehr mutig.
Sie bezeichnen das Taubenmanagement, das seit Oktober 2021 durch die MA 49 aktiv betrieben wird, als “hervorragend”. Dem will ich gar nicht widersprechen. Aber dieses Management – die Errichtung von Taubenschlägen – findet erst seit dem Herbst 2021 statt. Seit vielen, vielen, vielen Jahren fordern Tierschützerinnen und Tierschützer die Errichtung solcher Taubenschläge. In Wien gibt es bis jetzt vier von der Stadt betreute Taubenschläge – das ist viel zu wenig für eine Stadt mit einer Größe von 41.487 Hektar und mehr als 2 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern. Die Existenz von vier betreuten Taubenschlägen in einer Stadt dieser Größe als “hervorragendes Taubenmanagement” zu bezeichnen, finde ich doch sehr mutig von Ihnen. Die Stadt Wien war viel zu lange untätig, und muß jetzt viel aufholen.
Die Errichtung dieser Taubenschläge wird von allen Tierschützerinnen und Tierschützern unterstützt. Aber die Stadt Wien muß da ein viel höheres Tempo vorlegen und noch viel mehr Taubenschläge errichten.
Sehr geehrte Frau Dr. Bieber, insgesamt muß ich sagen, dass ich Ihre Stellungnahme sehr enttäuschend finde. Von einer Wissenschafterin würde ich mir eigentlich Daten und Fakten erwarten, und dass sie Ergebnisse aus wissenschaftlichen Studien zitiert. Ich bin der Meinung, sehr geehrte Frau Dr. Bieber, dass Ihre Stellungnahme leider keine neuen Informationen zum dem öffentlichen Diskurs über das Taubenfüttern in Wien beiträgt, was ich sehr schade finde.