Das ist der zweite Artikel in einer Artikel-Reihe, in der ich auf drei Stellungnahmen öffentlich antworte, die von den folgenden Personen im Zusammenhang mit einer Petition von mehreren Tierschutzorganisationen – Tierschutz Austria, Verein gegen Tierfabriken (VGT), Bürgerinitiative Arbeitsgruppe Tauben Wien und die Initiative Keine Tauben Ohren (KTO) – für ein besseres Stadttaubenmanagement abgegeben wurden:
- Stellungnahme von afStR Mag. Jürgen Czernohorszky, Amtsführender Stadtrat der Stadt Wien für Klima Umwelt, Demokratie und Personal
- Stellungnahme der Tierschutzombudsstelle Wien, von Dipl.-Ing. Eva-Maria Persy, MSc MBA
- Stellungnahme der Veterinärmedizinischen Universität Wien, von Dr. Claudia Bieber, Leiterin Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie, Veterinärmedizinische Universität Wien
In meinem heutigen Artikel möchte ich auf die Stellungnahme der Tierschutzombudsstelle Wien, von Dipl.-Ing. Eva-Maria Persy, MSc MBA, antworten.
Während des ersten Durchlesens der Stellungnahme von Dipl.-Ing. Persy ist mir sofort Folgendes aufgefallen:
Dipl.-Ing. Persy stimmt einem wichtigen Punkt der Petition zu, nämlich der positiven Bewertung der betreuten Taubenschläge. Es gibt niemanden, der das negativ sieht, und die Initiatoren der Petition befürworten eine “flächendeckende Versorgung” des Wiener Stadtgebietes mit betreuten Taubenschlägen. Ich auch! Schön, dass sich in diesem Punkt alle einig sind.
Positiv fiel mir beim ersten Durchlesen auch auf, dass Sie, sehr geehrte Dipl.-Ing. Persy, einen Vorschlag für die Standortwahl weiterer Taubenschläge machen. Sie begründen ihren Vorschlag nachvollziehbar und beziehen sich dabei auch auf das Tierwohl: Weitere Taubenschläge sollen in “unmittelbarer Nähe” von derzeit unbetreuten Nistplätzen errichtet werden, die sich die Tiere selbst gesucht haben, z. B. auf “offenen Dachböden, stillgelegten Fabrikhallen, Brückenunterbauten oder Zwischendecken von Bahnstationen”. Das ist ein konkreter, gut argumentierter Vorschlag. Auch die Initiatoren der Petition befürworten die Errichtung weiterer Taubenschläge und ich bin mir sicher, dass niemand an diesem konkreten Vorschlag in Bezug auf die Standortwahl weiterer betreuter Taubenschläge Kritik üben wird.
Beim ersten Durchlesen sind mir aber auch einige negative Dinge aufgefallen. Meine größte Kritik ist, sehr geehrte Dipl.-Ing. Persy, dass Sie auf die meisten Punkte der Petition überhaupt nicht eingehen. Eigentlich soll Ihr veröffentlichtes Schreiben ja eine Stellungnahme zur Petition sein. Aber wenn Sie zu wesentlichen Punkten keine Stellung nehmen, kann man dann überhaupt von einer “Stellungnahme” sprechen?
Wie ich in meinem ersten Artikel bereits erwähnt habe, in dem ich mich mit der Stellungnahme von Dr. Claudia Bieber, Leiterin des Forschungsinstituts für Wildtierkunde und Ökologie der Veterinärmedizinischen Universität Wien, beschäftigt habe, leben im Wiener Stadtgebiet zirka 50.000-60.000 Tauben, von denen jede einzelne Taube rund 40 Gramm Hartkörner pro Tag zum Überleben braucht. Das ist eine Mindestmenge, die gerade zum Überleben reicht, die Tiere werden dabei nicht fett und sind damit auch nicht überfüttert. 50.000 Tiere brauchen somit täglich gemeinsam 2.000 Kilogramm Hartkörner Futter pro Tag.
Die Intitiatoren der Petition weisen darauf hin, dass sich die Tiere in Wien von Lebensmittelresten ernähren müssen, die von Menschen weggeworfen werden, was Krankheiten begünstigt und zu Mangelerscheinungen führt. Mit diesem Aspekt beschäftigen Sie sich z. B. überhaupt nicht in Ihrer Stellungnahme.
Ich habe eine direkte Frage an Sie, sehr geehrte Dipl.-Ing. Persy: Wo sollen rund 50.000 Tauben in Wien täglich (!) 2.000 Kilogramm artgerechtes Futter finden?
Ja, wo?
Denn das ist keine rhetorische Frage. Das ist der Kern der Petition, darum geht es doch. Sie schreiben in Ihrer Stellungnahme, dass nicht gefütterte Tauben in kleinen Verbänden mobil nach Futter suchen.
Ja, aber wo finden die Tiere dieses Futter? Und welches Futter finden Sie? Und wie viel Futter finden sie? Das sind keine rhetorischen Fragen, sondern Fragen, die Teil eines verantwortungsvollen Stadttauben-Managements sein müssten, aber von der Stadt Wien und leider auch von Ihnen ignoriert werden. Die Stadt Wien steckt im Zusammenhang mit diesen Fragen den Kopf in den Sand, und Sie leider auch, sehr geehrte Dipl.-Ing. Persy.
Den Initiatoren der Petition geht es um die Frage, wie man den Tieren helfen kann, die jetzt leben, die jetzt hungrig sind, die jetzt ums Überleben kämpfen bzw. verhungern, weil es nicht genug Futter gibt. Die (ver-)hungernden Tiere ernähren sich aus reiner Verzweiflung von Lebensmittelresten.
Sehr geehrte Dipl.-Ing. Persy, Sie beschäftigen sich in Ihrer Stellungnahme ausschließlich mit dem Management der Tauben-Population in Wien, nicht aber mit dem Schicksal und dem Leid der einzelnen Tiere, die jetzt ums Überleben kämpfen.
Die Initiatoren der Petition sprechen sich eindeutig gegen ein verantwortungsloses Überfüttern mit nicht-artgerechtem Futter aus. Aber sie weisen darauf hin, dass die Stadttauben, die jetzt in Wien leben, nicht ihrem Schicksal überlassen werden dürfen. Sie weisen darauf hin, dass es verantwortungslos wäre, Menschen zu kriminalisieren, die artgerechtes Futter ausstreuen und somit einigen Tieren das Überleben ermöglichen bzw. durch artgerechte Fütterung zur Gesundheit der Tauben beitragen.
Ich finde es sehr schade, sehr geehrte Dipl.-Ing. Persy, dass Sie als Wiener Tierschutzombudsfrau sich in Ihrer Stellungnahme überhaupt nicht mit dem Schicksal der hungernden Tiere beschäftigt haben, die jetzt leben, sondern nur mit Fragen der Populations-Reduktion.
Sie haben auch nicht zu der Frage der Kriminalisierung von Menschen, die artgerecht füttern, Stellung genommen. Was ist Ihre Meinung dazu? Finden Sie es in Ordnung, dass Menschen, die artgerecht füttern, kriminalisiert werden?
Die Initiatoren der Petition machen ganz konkrete Vorschläge, wie man mit der jetzigen Situation umgehen soll: Menschen, die artgerechtes Futter an Tauben verfüttern, sollen nicht bestraft werden. Es wird folgendes gefordert: “Bis eine flächendeckende Versorgung (Anm.: mit betreuten Taubenschlägen) gewährleistet ist, braucht es jedenfalls Rechtssicherheit für Menschen, die verantwortungsvoll handeln.”
Was ist Ihre Meinung dazu? Wie bewerten Sie diese Forderung? Welche Stellung beziehen Sie?
Darum geht es in der Petition und Sie, sehr geehrte Dipl.-Ing. Persy, haben sich in Ihrer Stellungnahme überhaupt nicht mit dieser Forderung beschäftigt. Das finde ich schade, und ich muß sagen, das erstaunt mich eigentlich auch.
Was sind denn Ihre eigenen Ideen und Vorschläge, wie man jetzt mit rund 50.000 hungernden Tauben umgeht, die täglich in Wien 2.000 Kilogramm Hartkörner Futter suchen? Das sind 730.000 Kilogramm Hartkörner im Jahr. Glauben Sie wirklich, dass die Tiere, wenn sie ihrem Schicksal überlassen werden und das Füttern grundsätzlich verboten wird, so viel artgerechtes Futter in Wien finden? Die meisten Tiere überleben nur, wenn sie nicht-artgerechte Lebensmittelabfälle essen.
Und glauben Sie wirklich, dass die Wienerinnen und Wiener, denen das Schicksal dieser Tiere nicht gleichgültig ist, mit dem artgerechten (!) Füttern aufhören, wenn es verboten wird? Natürlich nicht! Selbstverständlich wird weiter artgerechtes Futter ausgestreut. Aber diese Menschen werden kriminalisiert.
Will die Stadt Wien wirklich alle Menschen bestrafen, die es wagen, artgerechte Hartkörner als zusätzliches Futter anzubieten? Das ist alles, was der Stadt Wien dazu einfällt? Finden Sie das in Ordnung? Was ist Ihre Position dazu?
Was sind denn Ihre eigenen Ideen und Vorschläge, wie man mit diesen rund 50.000 jetzt hungernden Tieren in Wien umgehen soll?